Anforderungen an einen Paukisten
(Vorwort aus einer Knauerschen Paukenschule von 1955)

In einem Zeitalter, in dem die Frage nach dem Anteil des Rhythmus im Musikgeschehen einen bedeutsamen Akzent erhält, verdienen die Schlaginstrumente eine besondere Beachtung. Unter diesen Schlaginstrumenten nehmen die Pauken als Schlaginstrumente mit veränderlicher Tonhöhe wieder eine Sonderstellung ein, sie sind die klassischen Schlaginstrumente, die eines abgestuften musikalischen Ausdrucks fähig sind und den Spieler vor hohe klangliche und technische Aufgaben stellen. Die leider häufig vertretene Meinung, das Paukenspiel sei leichter und schneller zu erlernen als das Spiel anderer Instrumente, ist ein von Musikern, die beim Erlernen anderer Instrumente gescheitert sind, gern geglaubtes Märchen, - im Gegenteil, es läßt sich sogar mit einem gewissen Recht behaupten, daß der Pauker der „musikalischste Musiker” im Orchester sein müsse, dessen rhythmische Grundbegabung. musikalisches Gehör geistige Aufgeschlossenheit und Geistesgegenwart gar nicht groß genug sein können.
Der Schlagzeugspieler leistet geistig wie körperlich Qualitätsarbeit. Die Feststellung, daß zum Schlagzeug nur vollkommen gesunde, energische Menschen gehören, ist von größter Bedeutung. Mehrmaliges Versagen von Paukern und Schlagzeugspielern ist nicht immer auf Unachtsamkeit zurückzuführen, sondern tritt infolge organischer Fehler öfters in Erscheinung. Nach Messungen durch Primarius Dr. Neubauer in Wien ist zum Beispiel die Herztätigkeit des Schlagzeugers die höchste unter allen Instrumentalisten.. Gerade beim Schlagzeuger wäre es deshalb notwendig, Eignungsprüfungen in bezug auf die Herztätigkeit und die Atmungsverhältnisse, besonders aber auf die Energetik desselben, einzuführen.
 Es ist selbstverständlich, daß auch die Ausbildung an den Pauken mit derselben Gründlichkeit und Hingabe vom Lehrer aus und mit dem gleichen Fleiß und der gleichen Ausdauer vom Schüler aus erfolgen muß wie in anderen Instrumentalfächern. Man könnte sogar noch weitergehen und fordern, daß jeder Musiker, der den Ehrgeiz hat, musikalisch vielseitig zu werden, einmal an die Pauken herangeführt werden müsse, so z. B. die angehenden Kapellmeister und Komponisten - man weiß, daß diese Versuche an musikalischen Ausbildungsstätten zu guten Erfolgen geführt haben. Andererseits ist es gut, wenn ein Pauker darauf sieht, daß er seine musikalische Allgemeinbildung vervollkomm- net; die Kenntnis musikalischer Fachausdrücke und musiktheoretischer Begriffe sollte einem Pauker ebenso am Herzen liegen, wie es erwünscht ist. daß er sich zumindest mit dem Klavierspiel vertraut macht.
Was der angehende Pauker aus einem Schulwerk nicht lernen kann, ist die Orchester- praxis! Im Orchester wird er merken, was für ein wichtiges Instrument er vertritt, welches Feingefühl und welche Anpassungsfähigkeit von ihm verlangt wird. Zahlreich sind die Wünsche der Orchesterleiter nach vollem, rundem Ton, dann wieder nach spitzem, kurzem Schlag, vollem und rundem oder donnerartigem Wirbel und anderen Feinheiten, deren die Pauken klanglich fähig sind - zahlreich die Anekdoten von, falsch ausgezählten langen Pausentakten, vorzeitig hineindonnernden Schlägen oder Wirbeln  von „Paukensolisten” - hier muß jeder junge Pauker kleineres oder größeres Lehrgeld zahlen!

                      Gerhard Behsing

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Letzte Aktualisierung:
27 Dezember, 2011